Wenn das Böse nicht passt, wird es passend gemacht.
Es gab wieder einen Vorfall. Diesmal ist ein Deutscher in eine Menschenmenge gefahren. Zwei Menschen sind tot. Und während alle betroffen tun, schießt ein unausgesprochener Gedanke durch viele Köpfe:
„Zum Glück war es kein Ausländer.“
Man sagt es nicht laut – aber die Erleichterung ist spürbar.
Der Täter soll psychisch krank gewesen sein. Die Medien berichten mit vorsichtiger Wortwahl, fast so, als wolle man es herunterspielen. Aber wäre es anders, wenn es ein Geflüchteter gewesen wäre?
Berichterstattung sorgt oft dafür, dass Täter genau die Aufmerksamkeit bekommen, die sie wollen. Gleichzeitig müssen Hintergründe beleuchtet werden – nicht als Sensation, sondern um Strukturen aufzudecken. Aber das passiert kaum. Stattdessen gibt es reflexhafte Erklärungsversuche:
„Psychisch krank“ als schnelle Kategorisierung, als Beruhigung, als Schublade, damit niemand zu tief bohren muss.
Jemand, der mit einem Auto gezielt Menschen tötet – wie gesund soll der denn bitte sein? Und ist das überhaupt die relevante Frage?
Und in welcher kranken Logik macht das die Sache besser? Ist das die Erklärung, bei der die Hinterbliebenen sagen: „Oh, er war nur krank, nicht politisch motiviert – na dann ist ja alles wieder gut“?
Währenddessen passiert, was immer passiert.
Das wirklich Perverse ist, wie Rechte mit solchen Taten umgehen. Die Hetze steht immer an erster Stelle. Die Schuld wird sofort in eine Richtung gelenkt, die ihnen nützt – bis sich herausstellt, dass der Täter nicht ins Narrativ passt. Dann wird umgeschaltet, ohne jede Selbstreflexion.
Und dann kommt die Schuldzuweisung:
„Warum hat ihn niemand aufgehalten?“
– während genau solche Leute mit ihrer Hetze erst befeuert wurden.
Jetzt sind plötzlich Justiz und Politik schuld. Alle – nur nicht die Drecksäcke, die ihn mit Hass gefüttert haben.
Dumm nur, dass dieser „psychisch Gestörte“ vor Jahren bereits mit rechten Hasskommentaren gegen Geflüchtete aufgefallen und verurteilt worden war.
Er war nicht das Produkt der „verweichlichten Gesellschaft“.
Er ist das Produkt der rechten Hetze.
Und trotzdem nehmen Faschos aus solchen Taten immer das, was sie gerade brauchen.
Wenn es keine Geflüchteten mehr gäbe, wären es die psychisch Kranken.
Sind die aus dem Weg, sind die Behinderten dran.
Dann die Arbeitslosen.
Dann die Andersdenkenden.
Dann die Kritiker.
Dann jeder, der nicht ins verrottete Weltbild passt.
Und irgendwann bleibt nur noch der, der stark genug ist, alle anderen zu töten.
Das ist kein Zufall. Es ist die Logik, die altbewährte Mordspirale der Faschisten.
Da fällt mir ein Gedicht ein:
Die Maßnahmen (von Erich Fried)
Die Faulen werden geschlachtet
Die Welt wird fleißigDie Hässlichen werden geschlachtet
Die Welt wird schönDie Narren werden geschlachtet
Die Welt wird weiseDie Kranken werden geschlachtet
Die Welt wird gesundDie Traurigen werden geschlachtet
Die Welt wird lustigDie Alten werden geschlachtet
Die Welt wird jungDie Feinde werden geschlachtet
Die Welt wird freundlichDie Bösen werden geschlachtet
Die Welt wird gut
Es ist eine sich selbst beschleunigende Spirale.
Und ich weiß nicht, wie man sie noch aufhält.
Der Mensch ist kriegerisch. Und wenn er keinen äußeren Feind mehr hat, dann fällt er über sich selbst her.
Aber was jetzt? Was tun?
Die Frage ist: Ist das ein Grund aufzugeben – oder ein Grund, noch lauter zu werden?
Aufgeben ist keine Option. Aber was bedeutet es, „lauter“ zu werden? Heißt das, als Seitenbetreiber sechs Posts statt drei zu machen? Heißt das, mehr Reichweite zu haben?
Nein. Das ist eine Illusion.
Selbst wenn wir die ganze Welt erreichen würden – sie würden es nicht lesen.
Sobald etwas humanistisch klingt, sobald es nach Frieden und Gerechtigkeit riecht, ist es für viele Menschen „links“. Und was links ist, das ist scheiße – also ignoriert man es.
Die meisten Menschen sind ohnehin unpolitisch. Die erreichst du nur mit Hass.
Nur mit Angst.
Nur mit dem ständigen „Die da sind schuld!“.
So funktioniert Propaganda.
Und was bedeutet das für uns?
Wir erreichen die, die sowieso schon denken wie wir. Wir sprechen in unserer Blase. Und die, die es hören müssten? Die erreicht es nicht – oder sie klicken weg, weil sie es nicht hören wollen.
Aber das bedeutet nicht, dass wir nichts tun können.
Fakten, Argumente, knallharte Wahrheiten – es prallt ab an der verdammten Wand aus Ignoranz und Bequemlichkeit. Die meisten schalten ihr Hirn aus und wollen nicht denken, sie wollen fühlen. Und was triggert Emotionen am schnellsten? Angst und Hass.
Die Rechten haben das perfektioniert: Sie liefern einfache Feindbilder, klare Schuldige, sofort konsumierbare Antworten.
Also, ja – Menschen werden von Hass angezogen.
Das ist der Punkt, an dem man sich fragen muss: Was tun wir hier eigentlich noch?
Wenn die Mehrheit sowieso nur reagiert, wenn sie in ihrer Wut bestätigt wird – wozu dann noch Aufklärung?
Was jetzt zählt
🔴 Die, die wir haben, aktivieren.
Nicht nur Zustimmung sammeln, sondern Menschen dazu bringen, sich aktiv einzumischen. Teilen reicht nicht.
Man muss auch widersprechen. In der Familie. Im Freundeskreis. Am Arbeitsplatz.
🔴 Alternative Kanäle nutzen.
Mehr auf WhatsApp, Telegram oder Mastodon setzen. Dort landen die Inhalte direkt bei den Leuten, statt erst durch den Algorithmus gefiltert zu werden.
🔴 Vernetzung stärken.
Gegenseitig pushen, kommentieren, teilen.
Ein starkes Netzwerk kann Reichweitenlücken überbrücken.
🔴 Die Unentschlossenen erwischen.
Nicht die Faschisten – die sind verloren.
Sondern die, die schwanken.
Die, die nicht wissen, was sie wählen sollen. Die, die einfach nur irgendwas nachplappern, weil sie nichts hinterfragen.
Auch die kommen nicht freiwillig in unsere Blase.
Aber sie sind in Kontakt mit Menschen, die uns folgen. Genau da müssen wir ansetzen.
Jeder, der denkt, „ich kann ja eh nichts ändern“, ist bereits Teil des Problems.
Jeder, der denkt, „wir können eh nichts tun“, gibt den Faschos das Feld kampflos frei.
Jeder, der schweigt, wird irgendwann der Nächste sein, über den gehetzt wird.
Ja, wir erreichen nicht „die anderen“.
Aber wir können verhindern, dass es immer mehr von ihnen werden.
Und das ist es, worauf es ankommt.
Denn ja, die meisten Menschen sind unpolitisch.
Sie wollen ihre Ruhe, ihren Alltag, ihre Bubble, in der sie sich nicht mit dem ganzen Mist da draußen befassen müssen.
Aber genau diese Leute sind es, die sich am Ende in eine Richtung treiben lassen – und wer lauter schreit, bestimmt die Richtung.
Die Rechten wissen das. Sie schreien unaufhörlich. Sie geben nie auf. Sie überfluten die Öffentlichkeit mit so viel Bullshit, dass er sich irgendwann wie eine legitime Position anfühlt.
Und wenn wir nicht dagegenhalten, wenn wir nicht zumindest unsere Leute zusammenhalten – dann gibt es irgendwann keine Alternative mehr.
Dann gibt es nur noch das Geschrei der Faschisten.
Wir müssen nicht alle überzeugen.
Wir müssen nicht 8,5 Milliarden Menschen erreichen.
Wir müssen nur genug erreichen, um das Gegengewicht zu halten.
Genau deshalb machen wir weiter. Nicht, weil wir die ganze Welt erreichen.
Sondern weil es reicht, die Richtigen zu erreichen.