Warum Geben kein Opfer ist – sondern eine überlegene Form des Nehmens
Der Mensch lebt nicht von sich. Auch wenn er sich täglich dafür entscheidet.
Er lebt im Blick der anderen, in der Verlässlichkeit des Gemeinten, in der flüchtigen, aber wirksamen Architektur gegenseitiger Spiegelung. Jener, der behauptet, nur für sich zu leben, lebt ärmer – selbst dann, wenn seine Konten überquellen.
Man hat versucht, das Geben zu vermessen. In Gramm, in Minuten, in Kosten. Man hat Altruismus in Studien gepresst, hat Dopaminwerte erfasst und Lebenserwartungen berechnet. Man hat festgestellt, dass Hilfsbereitschaft Stress senkt, Bindung stärkt, ja sogar das Herz schützt. Als handle es sich bei Großzügigkeit um eine Art biologische Rentenversicherung. Doch was in Zahlen gegossen wurde, verliert das Wesentliche aus dem Blick: den inneren Ursprung des Gebens – und seinen tieferen Gewinn.
Denn der Altruist handelt nicht im Schatten einer Moral, die ihn zum besseren Menschen adelt. Er handelt aus einer Würde, die sich nicht begründen muss. In seinem Tun liegt kein Verzicht, sondern ein Entschluss: zur Verbindung. Zur Öffnung. Zum Risiko der Berührung. Er erkennt – meist unbewusst, aber unwiderruflich – dass das Ich nur dort wächst, wo es sich nicht abschottet, sondern in etwas Größeres einfügt.
Wer gibt, erhöht nicht bloß den anderen – er steigt selbst in seiner eigenen Ordnung. Nicht durch Gnade, sondern durch Wirkung. Denn jede Geste des Teilens verändert den Gebenden selbst. Sie reißt die Zäune des bloßen Überlebens nieder und ersetzt sie durch Brücken. Was der Altruist aufbaut, trägt nicht nur die Last des Moments, sondern stützt ihn in kommenden Tagen – oft unbemerkt, aber nie folgenlos.
Manche mögen darin ein Spiel sehen, eine verkleidete Strategie: ein selbstsüchtiger Plan, der sich als Tugend tarnt. Und gewiss – der Mensch, der gibt, wird reicher an innerer Kohärenz, an Beziehung, an Sinn. Doch genau darin liegt seine Klugheit. Nicht in der Täuschung, sondern in der Tiefe seines Kalküls. Denn während der gewöhnliche Egoist sammelt, häuft, verteidigt, begreift der klügere, dass das wahre Kapital in Resonanz besteht – nicht in Besitz, sondern in Bedeutung.
Die große Täuschung unserer Zeit liegt in der Verwechslung von Unabhängigkeit mit Stärke. Der isolierte Mensch mag autonom sein, aber er bleibt klein. Erst in der freiwilligen Wendung zum anderen wächst er über sich hinaus. Nicht, weil er sich verliert – sondern weil er sich erweitert. Altruismus ist kein Gegensatz zum Selbst, sondern seine raffinierte Fortsetzung.
Wer heute gibt, ohne zu rechnen, rechnet tiefer. Wer sich einsetzt, ohne sich aufzurechnen, gewinnt exakter. Der kluge Altruist weiß: Der wahre Wert entsteht nicht im Haben, sondern im Hervorbringen. Was durch ihn wächst, bleibt nicht bei ihm – aber es kommt zurück. Nicht als Dank, nicht als Applaus, sondern als eine leise, unerschütterliche Wahrheit: Dass er sich selbst begegnet ist, indem er anderen begegnete.
Und so bleibt am Ende kein Pathos. Keine Moralpredigt. Nur ein leiser, aber nachhaltiger Gedanke:
Der klügste Egoismus ist jener, der sich verschenkt – und sich dabei vervollständigt.
„Der Edle hat Achtung vor sich.“
— Friedrich Nietzsche, Zur Genealogie der Moral