„Die Letzte Fliege“
Ein Drama in drei Akten, zwei Parkbuchten und einem Aschenbecher.
PROLOG
Es beginnt, wie es immer beginnt: mit einem Surren, das keins ist. Kein Ton, nur Bewegung.
Ein Schatten auf dem Armaturenbrett.
Ein Hauch von Irritation.
Ein Krieg, der niemandem erklärt wurde.
AKT I – Die Landung
Die Sonne brennt auf die Windschutzscheibe, als ich einsteige.
Ich sehe sie nicht.
Noch nicht.
Ich fahre los, drehe das Radio auf.
Hinter dem Rückspiegel, ein Flügelschlag.
Links oben. Dann wieder nicht.
Sie ist da.
Und sie weiß.
Ich schlage – verfehle – schwöre.
Sie tanzt in spiralförmigem Hochmut über dem Lenkrad, macht eine saubere Acht und landet.
Auf meiner Hand.
Fünf Sekunden Stillstand.
Dann weg.
Nicht tot. Nur überlegen.
Ich nenne sie: Arschlochfliege.
Sie nennt mich: irrelevant.
AKT II – Die Belagerung
Zweiter Tag.
Ich parke bei Netto.
Fenster auf, alle Türen. Ich schwenke eine Zeitung wie ein römischer Feldherr.
Sie lacht nicht.
Aber sie bleibt.
Sie trinkt den Rest meines Energy-Drinks, inspiziert die Lüftungsschlitze und schläft in der Sonnenblende.
Ich sauge das Auto aus.
Sie überlebt im Gurtschloss.
Ich stelle eine Falle: Essig, Spüli, Hoffnung.
Sie pinkelt wahrscheinlich rein, symbolisch.
Sie hat jetzt ein Revier: Beifahrerseite, obere Ecke.
Wenn ich fahre, sitzt sie hinten.
Wenn ich hinten bin, fliegt sie vorn.
Sie ist immer einen Gedanken voraus.
AKT III – Der Untergang
Tag fünf.
Ich bin müde.
Sie ist ewiger.
Im Stau: Stillstand.
Ein Moment der Schwäche.
Ich schlage nicht mehr.
Sie landet – wieder – auf meinem Arm.
Ich lasse sie.
Ein Waffenstillstand aus Erschöpfung.
Dann, ein Zucken.
Ein Reflex.
Ein Schlag.
Treffer.
Stille.
Ich öffne langsam die Hand.
Da liegt sie.
Nicht mehr überlegen.
Nicht mehr tanzend.
Nur noch… tot.
Ich senke die Hand zum Aschenbecher.
Lege sie hinein.
Schließe den Deckel.
Der Krieg ist vorbei.
Ich bin erschöpft.
Und irgendwo…
irgendwo…
wartet bereits die nächste.
EPILOG
Am nächsten Morgen, im Rückspiegel:
Ein Schatten.
Ende.